Denk kurz an das letzte Training, das du besucht hast. Worum ging es? Ist deine Antwort etwas wie Konfliktmanagement, Datenschutz oder Kommunikation? Oder war es eine Big Idea – ein Prinzip, der dir geholfen hat, danach etwas grundlegend anders zu machen?
Die Hartnäckigkeit des Content-First-Designs
Die Art und Weise, wie Trainings heute meist noch gebaut werden, ist klassisch: Ein Auftraggeber definiert ein Thema und eine Deadline, ein Subject Matter Expert liefert den Input, und ein L&D-Profi macht daraus etwas „Lieferbares”. Am Ende sitzen die Teilnehmenden in einem Seminar, hangeln sich durch Theorien und Modelle und fragen sich: Warum ist das für mich relevant? Was soll ich damit anfangen?
Mal ehrlich: Selbst wenn der Kaffee grottig ist (und sind wir mal realistisch, das ist er meistens), ist der Austausch mit Kolleg:innen meist noch das Beste am Tag. Die Leute gehen zurück an die Arbeit, haben ein Training über Change oder Resilienz „abgesessen” und haken es ab. Warum Trainings bei vielen so schlecht ankommen, lässt sich gut erklären – und hat wenig mit Faulheit zu tun.
Warum ist betriebliche Weiterbildung immer noch so inhaltszentriert? Aus der Praxis kennen wir die strukturellen und politischen Gründe: knappe Timelines, eine ausgeprägte Compliance-Kultur, Stakeholder:innen, die Volumen mit Wert gleichsetzen. Und dann ist da noch die professionelle Identität der Trainer:innen. In vielen betrieblichen Lernkontexten sind es Führungskräfte, Kolleg:innen oder freiberufliche Fachexpert:innen, die Inhalte gestalten. Sie wollen ihr ganzes Wissen teilen und halten es für wichtig – was automatisch zu Trainings führt, die mit Inhalten überladen sind. Doch wer Transfer ermöglichen will, braucht einen anderen Startpunkt.
Big Ideas and Essential Questions
Starte bei dem, was die Leute am Ende wirklich verstanden haben sollen, und arbeite dich rückwärts zur Methodik vor – statt beim Inhalt anzufangen und zu hoffen, dass das Verständnis zufällig eintritt. Wer Frameworks wie Action Mapping (C. Moore) kennt, wird diesen Backward-Design-Ansatz sofort wiedererkennen. Understanding by Design (Wiggins & McTighe, überarbeitete Auflage 2005) ist ein Framework aus dem schulischen Bildungsbereich, das wir uns hier gut leihen können, um Lernerfahrungen konsequent auf Sinnstiftung und Transfer zu fokussieren.
Understanding by Design nennt zwei klassische Fehler des inhaltszentrierten Designs: Coverage (so viel Inhalt wie möglich „durchkriegen”, ohne zu priorisieren) und Activity-Orientation (Aktivitäten, die zwar Spaß machen, aber nicht zu echter Einsicht führen). Beides unterstützt keine echte Anwendung im Alltag. Der Ansatz schlägt ein dreistufiges Design vor: Was ist das Ziel, woran messen wir den Erfolg und wie kommen wir dahin?
Backward Design
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Desired Results: Was sollen die Leute verstehen und welche Erkenntnis soll auf neue Situationen außerhalb des Trainings übertragbar sein?
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Evidence: Woran lässt sich – noch vor dem eigentlichen Design der Aktivität – ablesen, dass das Ergebnis erreicht wurde?
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Learning Experience: Welche Formate, Inhalte und Strukturen helfen den Leuten, dorthin zu gelangen?
Die Definition von Erfolg, bevor man das Format wählt, gibt jeder weiteren Entscheidung einen Fixpunkt. Big Ideas und Essential Questions machen Stufe 1 konkret – da beginnt die eigentliche Arbeit.
Big Ideas
Wiggins & McTighe unterscheiden Big Ideas von bloßen, abstrakten Kategorien. „Wandel” oder „Resilienz” sind nur Container; sie umfassen viel Inhalt, geben aber keine Orientierung. Eine Big Idea ist etwas, mit dem du denken kannst. Es ist eher ein Prinzip als ein Thema, denn es hat eine Richtung. Es zeigt dir, wo du hinschauen musst und wie du Erkenntnisse einordnest. Bevor du eine Big Idea definieren kannst, musst du klar haben, was das Training verändern soll: Wie sollen die Menschen am Ende denken, fühlen oder handeln?
Um Big Ideas zu finden, hilft der „Linchpin”-Test: Welches Konzept macht das gesamte Thema unverständlich oder nicht anwendbar, wenn man es weglässt? Beim Schreiben wäre die Big Idea nicht „sei klar”. Es sind „Zielgruppe und Zweck”, denn ohne zu wissen, für wen du schreibst und warum, hat jede andere Fertigkeit keine Richtung.
Diese Denkweise lässt sich sehr gut auf das Lernen in Organisationen übertragen. UbD lädt Learning Designer:innen ein, über Ratschläge wie „übe Achtsamkeit”, „kommuniziere offen” oder „sei offen für Veränderung” hinauszugehen. Ratschläge sind direktiv – sie sagen den Leuten, was sie tun sollen. Eine Big Idea hingegen zeigt, wie Dinge funktionieren. Es ist eine Linse, die auch dann noch funktioniert, wenn Situationen auftreten, die im Training gar nicht vorkamen.
Wiggins und McTighe argumentieren, dass sich eine Big Idea nicht einfach „vermitteln” lässt. Sie muss so gestaltet sein, dass die Menschen selbst auf die Notwendigkeit stoßen. Das heißt: Wir bauen die Erfahrung um ein Problem herum, bei dem die Big Idea die einzige logische Lösung ist, statt ein Konzept stumpf einzuführen.
Im betrieblichen Kontext sind die Rahmenbedingungen andere als in der schulischen Bildung. Trotzdem kann eine Big Idea auch hier als gemeinsames Ordnungsprinzip funktionieren – stark genug, um dem gesamten Design einen Schwerpunkt zu geben, und tragfähig genug, um über das Training hinaus Bestand zu haben.
Essential Questions
Essential questions foster the kinds of inquiries, discussions, and reflections that help learners find meaning in their learning and achieve deeper thought and better quality in their work
Wiggins & McTighe (UbD, 2005)
Essential Questions (im Folge Leitfragen) verwandeln eine Big Idea von etwas, das man “empfängt”, in etwas, das man erforscht. Eine Frage ist essenziell aufgrund ihrer Wirkung im Kontext, nicht aufgrund ihrer äußeren Form.
Kriterien für Leitfragen
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sind ergebnisoffen
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Provozieren weitere Nachforschungen
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Erfordern das Abwägen von Beweisen
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Regen zum Umdenken an
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Schaffen persönliche Verbindungen
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Tauchen in unterschiedlichen Kontexten immer wieder auf
Die wichtigste Unterscheidung, die Wiggins & McTighe treffen, ist die zwischen Leitfragen als Teaching Move (eine Frage in die Runde stellen) und als Design Move (eine ganze Einheit um eine Fragestellung herum bauen, sodass die Struktur – Aktivitäten, Assessments, Diskussionen – die Frage als wirklich ungelöst behandelt). „Was lässt Wandel wie Verlust anfühlen und was lässt ihn wie eine Möglichkeit erscheinen?” ist eine Leitfrage. „Was ist Resilienz?” ist es nicht. Leitfragen verlangen Urteilsvermögen, nicht den Abruf von Wissen. Sie dienen als „Türen”, durch die Menschen Schlüsselkonzepte selbst erkunden.
Anwendung in der Praxis
Zurück zum Beispiel: In einem Training zu Change und Resilienz ist „Change Management” das Thema und „Coping-Strategien aufbauen” das Ziel. Die Big Idea könnte aber lauten: „Wandel und Transition sind zwei verschiedene Prozesse. Sie zu verwechseln, macht organisatorische Veränderungen orientierungslos.” Die Leitfragen dazu: „Was braucht es, um wirklich loszulassen?”, „Wann wird eine Veränderung für die Betroffenen real?”. Diese Fragen haben keine einfache, richtige Antwort und sie tauchen bei jedem Umbau, jedem Teamwechsel immer wieder auf.
Bei einem Training zu Feedback: Das Thema ist „konstruktives Feedback”, das Ziel „sei spezifisch und zeitnah”. Die Big Idea: „Feedback hängt von Bedingungen ab, nicht vom Charakter”. Die Leitfrage: „Welche Bedingungen machen es für jemanden möglich, wirklich zu hören, was du sagst?”. Es gibt keine Standardlösung – die Frage ist diskussionswürdig und weit über den Schulungsraum hinaus nützlich.
Wenn du dein Design an diesen Fragen ausrichtest, gestaltest du Lernerfahrungen, die Entdeckung und Anwendung unterstützen. Transfer sieht dann so aus: Eine Führungskraft fragt sich vor einem schwierigen Gespräch, was diese Person braucht, um jetzt zuhören zu können – anstatt nur ihre eigene „Message” zu proben.
Ein anderer Startpunkt
Der Start mit einer Big Idea und Essential Questions verändert, wofür wir als Learning Designer:innen verantwortlich sind. Wir decken keine Themen mehr ab, sondern Prinzipien, die Lernen interessant, relevant und lohnenswert machen. Die UbD-Perspektive lädt uns ein, über das bloße Formulieren von Lernzielen hinauszugehen und uns die Zeit zu nehmen, Fragen zu entwickeln, die bei den Menschen hängen bleiben – weit über einen eintägigen Workshop hinaus. Sie verlassen das Training mit einer Erkenntnis für ihr Leben, statt mit einer Checkliste. Und sie sind dort gelandet, weil jemand im Designprozess die richtigen Fragen gestellt hat.
Wiggins, Grant; McTighe, Jay. Understanding by Design. Expanded Second Edition. Kindle Edition.
Im Dialog mit Claude 4.6 (Anthropic) redigiert. Ideen und Schlussfolgerungen sind meine.